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CRAFT BIKE Trans Germany
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Sissi Pärsch und Till Gottbrath haben in den letzten drei Jahren das offizielle Tagebuch – oder wie man heute sagt den „Blog“ – der Bike Trans-Germany geführt: Sissi 2009, Till 2007 und 2008. Beruflich ist er Chef und sie seine Angestellte. Die Agentur Kern Gottbrath Kommunikation macht u.a. die PR-Arbeit für CRAFT – und beide starten im Hobby-Team CRAFT and Friends.

2010 fahren beide die Bike Trans-Germany und kommentieren den Event als „bikende Gerhard Delling und Günter Netzer“. (Till wünscht sich, Günter Netzer zu sein, nachdem seine Kindheitswünsche nach langen, blonden Haaren und der Fähigkeit, mit dem Außenriss den tödlichen Pass in die Tiefe des Raumes zu spielen, nicht in Erfüllung gegangen waren…)

03. Juni 2010 – Etappe 2: Lermoss (AT) - Pfronten


Sissie: Mein Garmin sagt, dass ich nach 74.29 km, 1787 Hm und 4 Stunden 46 Minuten, Pfronten im Ostallgäu erreicht habe. Das war wieder eine Kämpferetappe heute. Wir hatten immenses Glück mit dem Regen. Denn er blieb größtenteils aus. Allerdings hat er die Bäche dermaßen angereichert, dass sie über die Ufern traten und uns zu Kanuten machten. Ohne Schmarrn! Wenn die Streckenführer von Asphalt- und Schotteranteil sprechen, dann haben sie die Rechnung hier ohne den Bachanteil gemacht. Das Wasser kam heute primär von unten!

Soeben habe ich mich ganzkörpergefönt, da das warme Wasser in meinem Hotel wohl aus ist. So durfte ich auch lernen, dass sich Schlamm ganz schlecht mit kaltem Wasser abduschen lässt und dass es lange dauert bis verschrumpelte, blaue Zehen wieder normal gefönt werden können.

Ich musste auch heute wieder einige Male richtig beißen. Meine Gangschaltung zickt und ich, mein Daumen und mein lädierter Brustkorb haben gegen den Zug gekämpft und gekämpft, um auf ein größeres Blatt zu kommen. Fies! Mein linker Fuß hat oben im Wrist eine Entzündung vom Schuhdruck und bieseln musste ich ab Kilometer 12. Ach, und einen Sturz hatte ich auch. Holzbrücke – ein Klassiker. Aber dieses Mal die rechte Seite, da ist noch keine Rippe geprellt.

Die Lichtblicke sind wie immer Natur und Mensch: Im letzten Jahr ergab sich (weiß Gott wie!), eine verbale Affäre zwischen mir und einem der motorisierten Sanitäter, Lutz. Lutz belegte mich mit Kosenamen aus der Tier- und Fabelwelt, erwartete mich an jeder Verpflegungsstation, putzte meine Brille und hupte, wenn er mich dann wieder auf seiner Maschine überholte. Nun kam ich gestern – nach einem Jahr Lutz-Sissi-Funkstille – an die erste Verpflegungsstation: „Sissi, meine Goldamsel“ .

Ein wahrlich rührender Moment für mich. Und so freue ich mich wie kein anderer im Feld immer auf die Verpflegungsstationen. Generell liegen hier auf der Strecke so viele interessante Geschichten, wildfremde Menschen pushen sich gegenseitig und teilen Freud und Leid. Weiter vorne, wo der Ehrgeiz treibt, so hört man, regiert ein Schattenkabinett. Dort wird nicht viel gesprochen. Schad drum. Oder vielleicht ist das alles Lügerei und sie wollem mich da vorne nur nicht sehen. Wer weiß? Womöglich greif ich auf der finalen Etappe an? Dann wird aber geredet da vorne!

Heute in Pfronten hat Teamkollegin Katrin halben Heimvorteil. Sie heißt mit Nachnamen Hitzer, ist eine der besten Biathletinnen Deutschlands und war vor der Tour noch ein wenig verwirrt, als sie meinte, „Sissi, dann fährst Du mit mir“ (sie ist jetzt unter den Top 30 der Damen platziert). Außerdem ist sie die Freundin von Michi Greis, der nicht nur unzählige Goldmedaillen gewonnen hat, er war vor zwei Jahren für Craft and Friends mit auf der Tour und ist zudem Ostallgäuer. Teamkollege Stefan und ich sind hingegen Oberallgäuer und erwarten, dass morgen in Sonthofen wie immer die Sonne scheint und womöglich Freunde und Familie im Ziel stehen. Ui, das wird vielleicht schon bewegend. Ich bin ja eine Frau und somit vom Typus emotional.
Wer grüßt wen? Heike grüßt Susanne, ihre Ex-Mitbewohnerin; Dirk grüßt Jill in Vancouver. Und das tu ich auch.

Widmung: Diese Etappe möchte ich den harten Jungs hier vor Ort widmen: Jens und Wolfi! Und daheim arbeitet hart BIKE-Schreiber Ole, ein großer Motivator, der immer weiß, wann es Zeit für den Biergarten ist. Er wird den Garmin Alpentriathlon in Schliersee bestreiten – und bloggt darüber hier: www.sport-schuster.de rechts oben der Button.



02. Juni 2010 – Etappe 1: Garmisch Partenkirchen – Lermoos (AT)




Sissi: Ich bin im Ziel. Durchgeweicht und schockgefrostet. Nach 5.32 h, über
81 km und gut 2100 Hm, hinauf über 1600 m. Ich glaube 99 % des Feldes hat über Aufgabe wegen Erfrierungsgefahr nachgedacht. Mein Gott haben
wir gekämpft. Lahm ist ja nun in diesem WM-Jahr kein Schimpfwort.
Im Gegenteil! Lena und Lahm sind derzeit wohl die deutschen Führungs- persönlichkeiten schlechthin. Würde ich Lena Lahm heißen, hätte ich das Bundesverdienstkreuz in der Tasche und jubelnde Massen am Wegesrand. Aber ich bin nicht Lena, ich bin Sissi (einst auch nicht schlecht), und nicht lahm, sondern vielleicht nicht arg schnell. Die Zeit ist auch unglaublich relativ nach einem solchen Tag.


Aber vorab: Das CRAFT and Friends Team präsentiert sich in DFB Manier: hochgradig ausfallgefährdet. Teamchef und CRAFT Geschäftsführer Holger hat vergangenes Wochenende mit seiner breiten Brust einen morschen Baumstumpf zerkrümelt... Unsere Teamkollegen Silke und Lars hat ein Virus erwischt, mein Chef ist schwersten Herzens mit einer Erkältung Till raus. Till, Silke, Lars sind nicht Horst. Sie hatten mehr Grund zurückzutreten als Köhler.

Ich habe mich die letzten Wochen gar nicht so auf das Rennen gefreut – und urplötzlich legte sich ein Hebel in mir um und die Vorfreude war da! Ich will dabei sein, weil ich all die Erlebnisse nicht missen mag. Die schönen wie die harten! Das Rennen: Bei ekligsten Bedingungen geht es vor allem um die Frage der Einkleidung. Ich habe noch nie so viele coole Biker in Regenklamotten gesehen... Du fährst bergauf und schwitzt, von oben prasselt es auf Dich nieder, es geht bergab und pfeift, von unten spritzt es hoch. Wie in der Autowäsche, nur mit Wind und der Dreck wird nicht weggewaschen, er kommt dazu. Mein Gott sahen wir schon nach wenigen Kilometern aus.

Und dennoch kämpft man sich voran und ich war wirklich gut drauf. Ich hatte wieder einmal Spaß, trotz allem, und das lag primär an den netten Leuten um mich! Mental bin ich viel entspannter als letztes Jahr, weil sich bei 1200 Startern immer jemand findet, der neben dir rollt. Bei Kilometer 55 kamen wir dann plötzlich zum Stillstand. Ein Heli-Abtransport blockierte unsere Weiterfahrt. Da rutscht dir erst einmal das Herz aus der geprellten Brust in die nasse Hose, das sag ich Euch. Aber es war wohl nicht so schlimm. Dennoch ist die Stimmung dadurch natürlich etwas erschüttert und durch den Stillstand und den verstärkten Regenguss wurde uns eiskalt. Dann kam die Abfahrt und wir hatten eingefrorene Hände und nicht mehr spürbare Füße. Ich dachte ganz, ganz ernsthaft ans Aufgeben. Und da war ich nicht die Einzige! Du schaust in völlig von Schlamm bedeckte Gesichter mit blauen, bibbernden Lippen. Ich fuhr weiter, weil ich dachte, dass der bevorstehende Anstieg mich wieder aufwärmen könnte. Und das tat er. Die Fitness war heute nicht das Problem. Bei 1900 HM war ich noch rhythmisch am Kurbeln (langsam). Und die Menschen um einen herum kämpfen und motivieren sich gegenseitig!

Nach der ausdauernden Dusche und Wäsche aller verdreckten Klamotten, Überschuhe, Schuhe, Handschuhe etc. – die müssen jetzt nur noch stundenlang gefönt werden – will ich jetzt sofort eine Riesenportion Pasta – und die Wetterprognose für morgen verdrängen. Wer grüßt wen? Martina aus der Schweiz grüßt ihren Chef und Munkers Martin; Ollie grüßt die wunderschöne Freundin und den Sohn, der vor einem Jahr noch die Größe eines Apfelkerns hatte... (diese News wurden auf der letztjährigen Abschlussparty mit einigen Schnäpsen gefeiert. Ein Prachtbursche!)

Widmung: Ich möchte diese Etappe meinem Team widmen – allen hier und den Kranken daheim. Und dem besten Team der Welt im Büro – I love you guys!

Wenn Ihr grüßen oder kommentieren wollt – bitte nur seriöse Zuschriften an: p_sissi@gmx.de




 

27. Mai 2010: Vorbereitung und die Einstellung




Till: Eben habe ich mit Sissi zusammen gesessen und wie es im Vorfeld eines solchen Rennens halt so ist, haben wir über Fitness und Ehrgeiz gesprochen. Dazu muss man wissen, dass sich Sissi in den letzten drei Wochen zwei mal „lang gemacht“ hat. Die heimtückische Attacke einer Straßenbahnschiene auf Sissis Rennrad und die heimtückische Attacke von Sissi auf ein unschuldiges KFZ, nachdem sie „vom Flow“ durchflossen vom „Trail-Modus“ noch nicht wieder auf den „öffentliche Straße-Modus umgeschaltet hatte.

Sissi sagt, sie fühlt sich schon ein wenig unter Druck gesetzt. Mit dem grünen Trikot von CRAFT & Friends darf man nicht richtig schlecht sein, meint sie, da schauen die Leute doch. Das finde ich gar nicht (OK – Allerletzter will ich auch nicht werden). Mit dem richtigen Sportsgeist, guter Laune und dem Willen, aus den verf&u uml;gbaren Reserven das Beste zu machen, darf man auch hinten „rumeiern“.

Ganz klar führt diese Einstellung bei mir zu einer unangemessen laxen Haltung in Sachen Trainingsdisziplin. Im ersten Jahr wusste ich noch nicht, was auf mich zukommt. Da wollte ich sichergehen, dass ich es schaffe. Im zweiten Jahr ließ ich es schon viel lockerer angehen. Schließlich wusste ich, dass ich es schaffen kann. Außerdem war mein Teampartner Holger (Hoffmann – CRAFT-Geschäftsführer) im ersten Jahr langsamer als ich. Das bremste in Jahr 2 meinen Trainingselan. Resultat: Geschafft habe ich es schon, aber Holger bin ich immer noch dankbar für seine Geduld und seine Toleranz gegenüber seinem schlappen Partner.

Und dieses Jahr? Ist es kein Team-Wettbewerb mehr (was ich persönlich sehr bedaure). Wenn ich schlecht drauf bin, muss niemand auf mich warten. Da geht der Trainingseifer nochmals zurück; gerade wenn die ersten drei Maiwochen das Wetter durchgehend besch... ist. Immerhin konnte ich mich trotzdem schon ZWEI mal zum Rollentraining zwingen. Dann muss dann auch der Po nicht so arg leiden…

Sicher ist jedenfalls: Ich kann mit sehr viel größerer Souveränität als Sissi langsam fahren. Tief in mir drin spüre ich eine große Überlegenheit in Sachen Langsamfahren. Was für eine mentale Stärke!

Sissi – gepflegt, geprellt  und schizophren

Es ist doch schon alles gesagt worden. Das Thema ist durch. Statt Worten, hier ein Bild der theoretischen Trainingshochphase:

Es gab ein paar matschige Bike-Ausfahrten und Rennrad-Gewittertouren und (ich muss Till korrigieren, was ich sehr gerne mache) DREI Crashes in einer Woche: 1) Rennrad-Entgleisung durch leichte Touchierung nasser Tram-Schienen nach Gewitter (Verfärbung der linken Seite samt Rippenprellung), 2) traditioneller Frontal-Aufschlag im Gelände, 3) Kollision mit einem Forstauto samt Kühlerhaubenabgang frontal/rechtsseitig – meine Schuld. So viel zu meinem verfärbten, körperlichen Zustand.

Was den Zustand meines Geistes anbelangt: Der ist schizophren! Auf der einen Seite bin ich mental ganz arg schwach. Ich bin Grüblerin und Zweiflerin – und damit völlig wettkampfuntauglich. So hadere ich auch dieses Jahr wieder, ob ich die Tour überhaupt schaffe.
Auf der anderen Seite bin ich mental extrem stark, weil ich einen unglaublichen Drang zur Frohnaturigkeit in mir trage! Es gibt kaum eine Ausfahrt, bei der ich keinen Spaß habe. Langsam, aber gut druff. Das hängt natürlich von der Gesellschaft ab – mit mir allein langweile ich mich z.B. sehr schnell. Passen Entertainment und Surrounding, hab’ ich mental richtig Power.

Ganz anders der Till. Der ist durch und durch ’ne mentale Rampensau! Keine Anzeichen von Schizophrenie. Seine Schwachstelle ist sicher nicht der Kopf. Nun gut, vor kurzem hat er sein 50. Lebensjahr angetreten. Das müsste hier nicht erwähnt sein – aber es ist WM-Jahr und da ist eine Grätsche durchaus mal angebracht. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass er wie Mario Basler am Spielfeldrand steht und seine Lunge die Luftröhre hochkeucht. Er ist auch Nichtraucher. Und Till pflegt seinen Körper durchaus – im sportlichen Sinne zumindest.

A propos keuchen: Meine Rippenprellung würde Selbiges gar nicht zulassen. Deshalb ist souveränes Atmen Pflichtprogramm bei mir. Ich bin gespannt, wo wir zwei uns wie einreihen. Und hoffe auf eine Trockenphase von vier Tagen. Verdammt noch mal, das muss doch drin sein!

 

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